Ich beziehe „mein“ Guesthose unter dem großen Mangobaum, im Januar sind die Früchte noch nicht reif. Es ist gut vorbereitet. Kaffee, Club Bier, Wasser. Das Wifi funktioniert nicht, das Netzwerk ist instabil, Tschüss Welt.

In der benachbarten Kinderkrippe werden Bänke und Tische aufgestellt und eine Musikanlage mit großen Boxen, wegen der Bässe.

Ich suche schon mal das ruhigste Zimmer, falls es laut wird. Es gibt kein ruhigstes Zimmer, die Wände sind dünn, die Fenster schließen nicht und Musik kommt sowohl von hinten aus dem „Gym“, wo die starken Kerle trainieren als auch von der Seite, heute ist Jahresabschlussparty.

In einer Musikpause werde ich vom DJ lautstark begrüßt (Akwaba Dr Ralf!) , ein Bier, ein Fleischspieß, ein herzliches Welcome back; gut dass ich mich noch aufgerafft habe.

Schon werde ich gefragt, wie es meinen Söhnen geht. Eine hatte mich schon vor zwei Jahren gefragt, ob ich Söhne hätte, von denen sie einen heirate könne. Einen, der nur sie liebt, sie auf Händen trägt, immer für sie da ist, der sie niemals verlässt. So wie die Weißen das tun. Zwischenzeitlich hat sie eine bezaubernde Tochter, ist aber immer noch frei.

Die Musik ist jetzt so laut, dass nichts mehr erzählt werden kann. Sie ergreift die Menschen. Die tanzen mit unglaublichem Rhythmusgefühl und umwerfenden, offen erotischen Bewegungen. Die Musik wird in ihnen zum Körper und ihre Körper verbinden sich in der Musik. Oh, wie schön ist Afrika. Eins, zwei, Tipp ist was für den wohlhabenden Norden.

Samstag morgen darf ich in das Büro der Krankenhausleitung, weil es dort das beste Wifi gibt. Weitgehend stabil. Treffen des Vorstandes und der Beisitzer der GRVD. Berichte aus Nepal und Ghana. In beiden Ländern gibt es eine beeindruckend intensive medizinische Aktivität, die Länderbeauftragten stellen die Projekte vor. Ich stehe mit auf der Tagesordnung. Mein kurzer Bericht über die Einjahreserfolge in der Palliativmedizin wird mit aufrechtem Beifall entgegengenommen. Dann geht es um die Endoskopie an den Standorten in Battor und Nkawkaw. Es gibt eine großzügige Beschlussvorlage, die es ermöglichen würde, an beiden Kliniken die Endoskopien wieder aufzubauen. Das wird einstimmig beschlossen. Cooler Verein! In mir entsteht schon der zugehörige Projektplan. November 2026.

Am Montag treffe ich auf Peter, unsere Palliative Care Specialist Nurse in Nkawkaw und sein junges Team. Wir haben im letzten Jahr im Holy Family Hospital eine Palliativeinheit feierlich eröffnet. Mit Gottes Segen und kräftiger Unterstützung von Claudia und Claudia aus dem Palliativ Team der SAPV Nürnberg. Beide sind immer noch im Kontakt mit Nkawkaw und unterstützen am Telefon und in Zoom Meetings Peter bei der Patientenbetreuung. Ehrenamtlich, einfach so.

Im westfälischen gibt es die Kategorie: „Schluffi“, in die Menschen eingeordnet werden, die es etwas ruhiger angehen lassen und machmal Lästiges einfach vergessen. Es wäre ungerecht Peter als Schluffi zu bezeichnen, doch ein kleiner Verdacht ist da. Er braucht manchmal etwas.

Was hat er im vergangenen Jahr aus der Palliativeinheit in Nkawkaw gemacht? Auch in Nkawkaw gab es fünf Teilnehmer am „Uganda Online Kurs“ in Palliativmedizin und -pflege. Hat sich ein Team entwickelt? Wieviele Patienten haben sie behandelt, haben sie gut dokumentiert? Gab es Hausbesuche?

Zwei der Teilnehmerinnen des Onlinekurses sind schwanger. Bleiben Jeanette, Fred und Ruth. Ja, unsere Ruth ist auch im Team.

Sie berichten wie die Kursteilnehmer aus Battor, dass es ein toller aber anstrengender Kurs war und ihr Leben verändert hat. Jetzt möchten sie gerne weitermachen, Erfahrung sammeln. Sie sind sehr „dedicated“, „committed“.

Peter zeigt seine Behandlungszahlen – er überreicht mir die Dokumentation seiner Fälle. Vorsichtig schlage ich das Heft auf, mein kleiner Verdacht macht auf sich aufmerksam, sprich: Zweifel. Ich blättere eine Seite nach der anderen um, es verschlägt mir die Sprache. 108 Patientinnen und Patienten. Dazu 298 dokumentierte Telefonate, 36 Hausbesuche. 35 Patienten sind verstorben. Aktuell betreut er 10 Patienten gleichzeitig. Entschuldige, Peter.

Die Zahlen sind sensationell, das Team hält bestens zusammen und kennt sich gut aus. Peter war schon zweimal im lokalen Radio zu hören, hat mehrere öffentliche Vorträge im Krankenhaus gehalten. Nur wird alles etwas zu viel für einen. Er braucht mindestens noch eine Vollkraft im Team. Fred lächelt mich an.

Im Laufe des Vormittags bin ich von der Krankenhausleitung eingeladen. Ob ich helfen kann, dass er eine zweite Vollkraft bekommt? Bisher arbeitet Fred in der Notfallaufnahme. Ob die Matron, die Pflegedienstleitung, dem Wechsel zustimmt? Ich bitte Peter mir die Zahlen zu senden. Das muss ich überall erzählen, insbesondere den Kolleginnen und Kollegen der GRVD.

Die Treffen mit der Krankenhausleitung haben einen sehr offiziellen Charakter. In meinem Koffer finde ich auf die Schnelle angemessene Kleidung, staubfreie Schuhe. Große Versammlung, Begrüßungen, Dankesworte. Ich kann unseren Palliativ Rucksack überreichen, soll ihn aber einmal öffnen, damit klar ist, was drin ist. Dann übergibt Ruth das EKG Gerät, das wir in Accra zusammen gekauft haben und bei dem es sich um eine private Spende handelt. Auf der Webseite wird das groß bekannt gegeben und sie bedanken sich bei mir und meiner Frau. Die weiß noch gar nichts davon. Oder erst jetzt, wenn sie dies liest. Dann die größte Nachricht: GRVD hat dem Projekt der Wiederaufnahme von Dr. Jester’s Endoskopy (siehe Blog 2024) zugestimmt. Father Derick hatte schon davon gehört, er hat als Priester eigene Informationsquellen. Große Freude und Dankbarkeit. Foto. Eins noch: die Erfolge der Palliativmedizin sind so enorm und vorbildlich, dass ich die Krankenhausleitung bitte, Peter eine zweite Vollstelle, vorzugsweise Fred, zuzuordnen. Einstimmig Zustimmung. Ich mag die neue Matron (ganz links).

Screenshot

Ausserdem stellt uns Father Derick ein Fahrzeug zur Verfügung, mit dem wir in den nächsten Tagen Hausbesuche unternehmen können.

Es sind endlos lange staubige Straßen, die uns zu den Dörfern führen, in denen unsere Patienten leben.

Die erste ist an einem Krebs des Gebärmutterhalses (Cervixcarcinom) erkrankt. Sie hatte mehrere Chemotherapien, die aber abgebrochen wurden, sie konnte sie nicht mehr bezahlen. Als wir ankommen steht sie mühsam auf und begrüßt uns. Sie hat Schmerzen, 10 von 10 auf der Schmerzskala: nicht auszuhalten. Der Blutdruck ist viel zu hoch. Sie ist verzweifelt, kann wegen der Schmerzen nicht mehr schlafen. Peter hat eine Spritze mit Morphin in seinem Rucksack, langsam injiziert er das Medikament. Das ist viel mehr als eine Spritze. Er unterhält sich mit ihr, sie lächeln sich an, sie entspannt sich. Nur noch 4 von 10, der Blutdruck normalisiert sich. Unterwegs haben wir eine Morphinlösung gekauft, Spende von Dr Ralf. Damit kommt sie ein paar Tage über die Runden.

Palliativmedizin schließt die ganze Familie mit ein. Der Ehemann, der sich solche Sorgen macht und traurig ist, dass er die Behandlung seiner Frau nicht bezahlen kann. Die Tochter, die gerade ihren Schulabschluss gemacht hat und jetzt keine Berufsausbildung machen kann, denn sie muss die Mutter ersetzen. Die zunehmende Not der Familie, weil sie ihre kleine Landwirtschaft nicht mehr gemeinsam betreiben können.

Früh genug entdeckt kann ein Cervixkarzinom geheilt werden, es gibt sehr effektive Früherkennungsmöglichkeiten und die HPV Impfung, mit der das Risiko für diesen Krebs minimiert werden kann.

Palliativmedizin befasst sich mit der umfassenden, aktiven Behandlung und Begleitung von Patienten mit einer unheilbaren, weit fortgeschrittenen Erkrankung und begrenzter Lebenserwartung. Das Hauptziel ist nicht die Heilung, sondern die bestmögliche Lebensqualität durch Linderung von Symptomen wie Schmerzen und Atemnot sowie Unterstützung auf körperlicher, psychischer, sozialer und spiritueller Ebene.

Palliativmedizin in Ghana befasst sich häufig mit der umfassenden, aktiven Behandlung und Begleitung von Patienten, die sich die Behandlung ihrer Erkrankung nicht erlauben können, die deshalb immer weiter fortschreitet, schließlich unheilbar wird und zum Tode führt. Das Hauptziel einer Heilung kann aus Armut nicht erreicht werden.

Der letzte Hausbesuch führt uns in den Norden zu einer muslimischen Familie, hier ist die Armut überall zu sehen. Ihre Hütte ist verfallen, das löchirge Wellblechdach wird von maroden Holzstützen getragen. Kein Wasser, kein Strom. Wir betreuen den Großvater. Er hört sehr schlecht, doch alle springen um ihn herum, brüllen etwas in sein rechtes Ohr in dem es offenbar noch eine Resthörvermögen gibt. Er versteht, antwortet aber unpassend, so dass alle in lautes Lachen ausbrechen. Der Prostatakrebs macht ihm zu schaffen. Peter prüft die Medikation, hilft wo er kann. Bepricht sich mit den Töchtern.

Wir sitzen in großer Runde auf eilig ausgeliehenen Plastikstühlen und besprechen alles in Ruhe. Abschlussfoto und großer Dank. Hinter den Stühlen steht ein klappriges Gebilde aus Holz. Das war einmal der Hühnerstall. Bei genauerem Hinsehen zeigt sich, es ist immer noch der Hühnerstall. Oben rechts brütet voller Vertrauen eine Henne.

Eine der Töchter steht auf und öffnet einen Verschlag ganz untem im Stall. Darin ist ein stolzer Hahn gefangen, den sie mit geschickten Bewegungen hervorholt und das  prächtige Tier umherzeigt. Die Familie möchte mir etwas schenken. Sie sind echt dankbar, dass wir gekommen sind und für unsere Arbeit. Der Hahn wehrt sich nicht.

Ich möchte, dass er überlebt und ihn auf keinen Fall mit auf die lange Heimreise nach Nkawkaw nehmen. Die Tochter strahlt mich an und ich habe einen kurzen Moment Sorge, dass sie schon gehandelt hat: Kopf ab. Da fällt mir der Refrain: Let him go, let him go, let him go ein und ich beginne zu singen. Sie schauen mich zunächst ungläubig an, let him go? Dann lachen sie, singen mit und lassen das Vieh frei. Er schüttelt sich, rennt zu seinen Hühnern und schreit aus Leibeskräften sein Kickeriki.

Nach weiteren Hausbesuchen fahren wir heim nach Nkawkaw. Morgen ist „no – more – plastic“ Tag. Wir haben eine Einladung zum Municipal Chief Executive (MC) des Distriktes Eastern Region, Kwahu West. Ganz Ghana ist aufgeteilt in 16 Regionen, in denen es Distrikte gibt. Die Regionalminister und die Leiter der Distrikte werden direkt vom Präsidenten ernannt und müssen seine Vorgaben erfüllen. Seit einem Jahr ist John Mahama Präsident, er setzt auf eine „grüne Revolution“, die Umwelt- und Klimaschutz mit wirtschaftlicher Entwicklung verbindet. Es gibt Projekte zur Wiederaufforstung, „Tree for Life“, für die Nutzung erneuerbarer Engergie und die Sanierung der Gewässer. Zur Umsetzung wurden überall „Environmental Chiefs“ eingestetzt, die sich vorort um den Schutz der Bäume und Gewässer einsetzen. Africa Eco Chiefs!

Zwischen den Regionen gibt es Konkurrenz: wer erfüllt die Umweltpläne Mahamas am besten.

Nkawkaw ist die Hauptstadt der Region Kwahu West.  Der MC heißt Mr Tamimu Halidu und er ist sehr ehrgeizig. Da kommen wir gerade recht, denn in den letzten beiden Jahren haben wir Cleanup Aktionen auf dem Krankenhausgelände und dann in der Stadt Nkawkaw durchgeführt. Durch unser „No – more – plastic, no more bola“ Festival im letzten Jahr sind wir sogar ein bisschen berühmt geworden.

Der Plastikmüll macht einen Großteil des Abfalls in Ghana aus. Das Plastik liegt und fliegt überall herum, das es furchbar ist. Es verstopft Abwässerkanäle, zerstört Flüsse, verunreinigt Seen und das maritime Leben im Südatlantik. Die kleine, lebendige Stadt Nkawkaw war voller Müll, es gab keine geregelte Müllentsorgung, die Menschen lebten in ihrem Müll. Überall loderten kleine Feuer, in denen zumindestens ein kleiner Teil des Plastik verbrannt wurde. Die Luft war vom Rauch der Feuer belastet, ungesund für alle, besonders für die Kinder.

In diesem Jahr ist es anders – ich laufe durch die Stadt und traue meinen Augen nicht. Zwickt’s mi, I glaab I träum. Zwickt’s mi, egal wohin. Das Plastik ist weg.

2025 2026

Mr Halidu liefert: an jedem Samstag gibt es ein Cleanup in der gesamten Stadt, der MC packt mit an: „Leadership by example“. Es gibt Schulungen, neue Arbeitsplätze für Privatleute, die Müll sammeln und trennen, bezahlt nach Leistung. Korrupte Entsorgungsunternehmen sind raus aus dem Geschäft. Regelmäßig fahren Transporte zu Recycling Unternehmen nach Takoradi. Nur das Thema „Landfill“, die noch unkontrollierte Entsorgung von Abfall auf einer ortsnahen Mülldeponie ist ungeklärt. Es braucht Hilfe, die Hinterlassenschaften dort sind ebenso gewaltig wie unsortiert und ohne externe Unterstützung nicht zu bewältigen.

Ich möchte, dass Rotary International, Endplastic Soup, die Stadt und Mr Halidu auszeichnet und sein Engagement weltweit bekannt macht. Veränderungen sind möglich. Einen Anstoß haben der Rortary Club Nürnberg Connect, EPS und das Endplastic Team aus Nkawkaw gegeben. Veränderungen sind möglich. Der Plastikmüll verunreinigt Ghana seit etwa 40 Jahren, in weiteren 40 Jahren soll er wieder verschwunden sein.

Übrigens: schon ein Jahr später, wenn das Plastik verschwunden ist, erobert sich das Grün die Erde zurück. Ich hab’s gesehen und fotografiert. Eine der größten Plastikansammlungen haben wir vor zwei Jahren im Klostergarten gefunden und beseitigt. Dort findet sich heute ein Gemüsegarten.

Bye, bye Nkawkaw. Wenn unsere Projektplanung umsetzbar ist, sehen wir uns im November wieder. Dann bringen wir eine Endoskopie – Anlage mit, sponored by German Rotary Volunteer Doctors!

Zusammen mit Ruth und Alex, best driver, geht es in den Norden. Über Techiman nach Damongo. Es wird heiß und trocken, die Nächte werden überraschend kühl. Nordöstliche Winde aus der Sahara, der „Harmattan“ beeinflussen das Land, sorgen für enorme Temperaturkontraste, Staub, dunstige Sicht. 

Avatar von Ralf Hardenberg

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