Tag 2 – Montag

Ab jetzt beginnt das mit dem Warten, mit den Verabredungen zu einem Zeitpunkt und den unterschiedlichen Vorstellung zur Zeit in Ghana. Fest steht: Meike, Florian und Ralf haben ihre Wecker gestellt und sitzen pünktlich beim Frühstück. Jeden Morgen.

Heute wollen wir pünktlich in unserer Schule, in St Mary’s Senior High sein. Wir möchten niemanden auf uns warten lassen.

Eine Probe ist geplant, die Aufführungshalle soll einschließlich Technik und Beleuchtung vorbereitet werden. Das Nkawkaw Team taucht nicht auf. Es bleibt ein Geheimnis, wie das hier mit den zeitlichen Verabredungen funktioniert. Wenn‘s zu lange dauert, fragst du per WhatsApp freundlich nach. Wenn das Netzwerk funktioniert, bekommst du einen Antwort:

  • We’re on the way
  • We’ll be there soon
  • We’ll be there in a minute
  • We’ll be there in no time.

Ich glaube, die Antworten machen deutlich, dass sie im Grundsatz anerkennen, dass wir uns verabredet haben und sie bald gekommen sein sollten. Es geht gerade leider nicht. Zwischen den vier Antworten gibt es in der Umsetzung kein Unterschied. Es dauert immer ungefähr noch eine halbe Stunde.

Diesmal dauert es mehr als eine Stunde. In der Schule werden wir herzlich begrüßt, doch die Schulleitung und unsere Theaterlehrerin haben heute gar keine Zeit. Die freundliche Leiterin der Grundschule, Madame Patience Addy, nimmt sich Zeit für uns, bringt Wasser und zeigt uns die Schule. Der Schulhof ist aufgeräumt, große Plastiksammelstellen sind gefüllt mit eingesammelten Plastikflaschen. Überall gibt es Schilder, eines sagt: „I‘m my own experiment, I‘m my own work of art“. Hier leben und lernen 850 Mädchen in einem sicheren Umfeld, mit starken Lehrerinnen als Vorbild. Umweltbewusstsein, Fairness, Selbstbewusstsein sind die Werte und die Kunst eine wichtige Ausdrucksform. Hier sind wir richtig!

Direkt neben der Schule ist „Korlebu“, das große Universitätskrankenhaus von Accra. Dort treffen wir mit Dr. Caro und Dr. Rex zusammen. Der ist ein bestens ausgebildeter ghanaischer Familienarzt und Palliativmediziner. Beide Ausbildungen sind in Ghana wesentlich anspruchsvoller organisiert als in Deutschland. Da kennt er sich gut aus. Er ist seit Jahren Caro’s Begleiter bei ihren Reisen nach Ghana und hat uns im letzten Jahr in Deutschland besucht. Dass er gut aussieht, eloquent und schlau ist und vor allem ein enormes Engagement für die Entwicklung der Palliativmedizin hat, macht es nicht leichter. Sprich: Supertyp und alle glauben zunächst: da muss doch mehr sein zwischen diesen beiden wunderbaren Menschen, also Caro und Rex. Treue Freunde sind sie, die Familien haben sich miteinander befreundet und Rex ist in engem Austausch mit Rainer, Caro‘s Mann. Er passt gut auf sie auf. Sie meint, ihr Rainer schreibt ihm öfter als ihr. Er ist echt besorgt. So konnte ich beobachten, dass er sie mit Plantanenscheiben füttert, denn die tun ihr gut, und die liebt sie. Ich beobachte die beiden später bei gemeinsamen Auftritten in Palliativteams und Krankenhausleitungen. Dreamteam nichts dagegen.

Nun sind wir zusammen unterwegs zu einem Cafè, in dem Winnifred, die Winnifred auf uns wartet. Die Leitung der ghanaischen Palliativgesellschaft oder zumindest deren Sekretärin. Ein Vulkan! Nachdem wir uns gegenseitig versichert haben, wie sehr wir uns über das Kennenlernen freuen, geht die Post ab. Mittelschwere Eruption. Leider kann ich nicht alles verstehen, so schnell redet sie. Die palliativmedizinischen Aktivitäten der German Rotary Volunteer Doctors jedenfalls findet sie gut und wir sollen weiter machen. Klar sein muss aber, dass die ghanaische Palliativgesellschaft die Regeln bestimmt und Standards vorgibt. Sie spannen einen Schirm über alle palliativmedizinischen Aktivitäten über Ghana, nein über ganz Westafrika. Unter dem können wir zusammenarbeiten. Top down. Es ist ein gigantischer Ausbruch von Gedanken, da kommst du kaum zu Wort. Hier fällt mir erstmalig eine rhetorische Konstruktion auf, die ich euch kurz beschreiben möchte, weil sie in Ghana immer wieder zur Anwendung kommt, ich glaube insbesondere durch Bedeutsame. Ausgangspunkt kann deine Frage sein, aber auch direkt ein Gedanke der Sprechenden. Dann beginnt die große Antwort mit einem „one“. Das möchte ich mit „erstens“ übersetzen. Dann weißt du gleich, da kommt noch ein „zweitens“, two. Beeindruckend ist, dass die Sprecherin gleich zu Beginn und ganz spontan eine mehrteilige Antwort parat hat. Vielleicht geht es auch darum klar zu machen, dass sie nun eine länger Sprech- und Aufmerksamkeitszeit beansprucht. Auf jeden Fall, three, kann das dauern. Und nun kommt mein Konflikt. Sie war definitiv bei „four“ und hatte einen besonders langen Punkt ausgeführt, um dann weiter zu machen. Ich glaube sie hatte vergessen, dass sie schon bei viertens war und fuhr fort: „Three“. Ich hatte echt mitgezählt, jetzt die Frage, darf ich sie unterbrechen und daran erinneren, dass sie schon bei vier war. Oder wäre das unhöflich. Es fällt mir schwer, sie nicht zu korrigieren. Aber es wäre unhöflich und ich schweige. Wir schwören uns treue Zusammenarbeit. Möge die Regierung Ghanas im März beschließen, dass die Palliativmedizin anerkannt und finanziert wird. Dass würde uns allen und insbesondere den Patienten sehr helfen. Fünftens und Schluss. Sie wird eine Herausforderung für unsere Zusammenarbeit bleiben.

Das war’s für heute. Florian hat die Genehmigung für seine Drohne erhalten, Bürokratie im „aviation office“, mittellanges Warten und dann treffen alle im Hotel zusammen.

Abendessen.

Morgen stehen wir früh auf, wir haben eine Verabredung in den Old Fadama Slums, in Agbogbloshie.

Avatar von Ralf Hardenberg

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