3. Tag, Dienstag
Heute muss ich mir keinen Wecker stellen, ich bin so gespannt auf Abgogbloshie und freue mich sehr, die Old Fadama Kinder zu treffen. So sitze ich allein am Frühstückstisch und übe mich in Geduld, bis nach und nach alle eintreffen. Unser Fahrer bringt uns zunächst ein zweites Mal zur St. Mary’s High School. Es sind die Kinder aus Agbogloshie, die mein Herz berühren. Kleine traurige Engel, deren Eltern von dem Elektroschrott leben, Scarp – Kids.

Doch zunächst fahren wir noch einmal zur Schule. Letzte Hand anlegen für Bühne und Technik. Und Besuch des Kindergartens für die Kinder aus Old Fadama. Bunte Hütten, liebevoll bemalt und ausgestattet, kindersichere Möbel, ein großartiger Spielplatz, eine Küche. Alles für unsere Kids. Das ist so liebevoll gestaltet, das drückt soviel Wertschätzung für die Kleinen aus. Darin sichergestellt: 5 Tage in der Woche „Day Care“ mit warmer Mahlzeit, Betreuung, Unterricht und Spielen. Etwa 70 Kinder werden mit dem Bus aus Agbogbloshie abgeholt und können dort Kinder sein. Es gibt Orte, da spürst du, die sind richtig. Und glaube mir, die Menschen die dort arbeiten sind richtig, du kannst es ihnen ansehen, dass sie mit den Kindern, mit ihrer Aufgabe glücklich sind. Da willst du gar nicht mehr weg sondern einfach bis zum nächsten Morgen warten, bis der Bus kommt und die Kleinen ihren Kindergarten stürmen.
Doch erstmal fahren wir zu ihnen, Treffpunkt ist die Clinic „City of God“, mitten in den Slums. Der Verkehr dorthin ist atemberaubend. Nicht nur wegen der schlechten Luft, sondern wegen der vielen Fahrzeuge aller Art, den Motorrädern, die von allen Seiten vorbei rasen, den Taxis und Bussen, den riesigen LKW, alles drängt sich auf der „Hauptstraße“, rechts und links der Agbogbloshie Markt. Es ist alles voller Farben, Lärm, Elend. Menschen mit gelähmten, grotesk missgebildeten Beinen auf ihren Rollbrettern, Mütter mit ihren Kindern zwängen sich mühevoll zwischen all den Gefährten, auf den Motorrädern hocken gelangweilt junge Männer. Die „Portergirls“, Sklavinnen aus dem Norden tragen schwere Lasten auf ihren Köpfen. Dazwischen rennen Hühner um ihr Leben, picken in aller Eile unterwegs, Ziegen, dürre Katzen und Hunde mit eingezogenen Schwänzen. Im Himmel über uns kreisen große Raubvögel (und später Florians Drohne). Ich denke mir: zu Fuß wären wir schneller, doch das stimmt nicht, in dem Gedränge ist kein leichtes Vorankommen. Kurz zum Fahrstil: nichts für uns. Die Strategie: du fährst so schnell wie möglich in die Richtung, in die du fahren möchtest, einschließlich abbiegen. Du kennst die Ausmaße deines Fahrzeugs auf den Zentimeter genau und hälst nicht an. Allenfalls kurz vor einem Crash und dann mit lautem Hupen. Gehupt wird sehr viel. Unfälle haben wir keinen gesehen. Der Fahrer findet einen Parkplatz und dann geht es zu Fuß weiter, Gedränge siehe oben. Die Gassen werden immer schmaler, überall sind Menschen, stehen verlorene Kinder, sie wohnen auf der Straße. Ein nackter kleiner Junge wird in einer Tonne gebadet und protestiert laut schreiend. Die Menschen sind neugierig, rufen uns ihr „Oburoni, Oburoni“ hinterher, lachen, winken. Von allen Seiten rasen junge Männer auf ihren Motorrädern durch die Gassen. Du machst dir Sorgen um die Kinder, aber auch um dich selbst. Besser ganz am Rand gehen. Eine Ziege hat es nicht mehr rechtzeitig geschafft, die schleppt sich jetzt.
Wir laufen durch den Old Fadama Slums, Ziel ist eine kleine katholische Ambulanz, die Clinic of God. Florian filmt, ein einziger Mann ärgert sich darüber und drückt das so dramatisch aus, dass wir unsere Schritte beschleunigen. Klar hatten wir gefragt. Filmen erlaubt! Viele lachen in die Kamera, eine umarmt unseren Filmer. Nur dieser Eine war echt schlecht gelaunt. Gelöscht. Doch etwas Respekt bleibt und ist gerechtfertigt.
Zurück zum Minibus setzen wir unsere mühsame Fahrt fort, Gesamteindruck Agbogbloshie. In einem Film heißt es „Welcome to Sodom“. Es ist bedrückend, du spürst Gefühle in dir, doch die kommen noch nicht zum Vorschein. Warte noch einen Tag.
Wir verlassen Old Fadama – es kommt Hunger auf, Mittagessen in Franky’s. Es ist so: du gehst in ein Restaurant. Du suchst dir einen Tisch und beginnst mit dem Tischgesprächen. Dann passiert nichts. Menschen in den T-Shirts von „Franky’s“ laufen an dir vorbei. Die Gespräche ziehen sich in die Länge. Du musst dich im Kampf der Kunden um die Menükarte, Bestellung, Getränke bewähren. Das zieht sich. Der Pie war furchtbar. Der Fisch war nicht ganz durch und geriet so unter Verdacht, Ursache einer späteren Störung zu sein. Oder waren es die halbgaren Fritten in Mayonnaise von KFC?
Ich glaube alle sind noch bedrückt von den Eindrücken in Agbogbloshie. Beratung: wie geht Sightseeing in Accra. Museum? Memorial Park? Wir arbeiten uns durch die 10 Tripadvisor Highlights in Accra. Ruth und ich haben einen anderen Plan. Ich habe ein EKG Gerät bestellt und das muss bei einem Händler, gar nicht weit entfernt, one: abgeholt und two bezahlt werden. Ruth hat dem Händler geschrieben, dass wir gegen 2:00 Uhr pm dort sind. Wegen der Besonderheiten des Service im Frankys kommen wir erst gegen 3:00 Uhr los. Der Uberfahrer wartet irgendwo im Gedränge, also auf der anderen Straßenseite und ist recht schlecht gelaunt, dass wir ihn nicht schneller gefunden haben. Im weiteren Verlauf bekommt er den Titel des unfreundlichsten Uberdrivers von Accra und ein Trinkgeld, dann lockert er sich zu einem Lächeln. Unser Medizingerätehändler ist schwer zu finden , die kurze Fahrt dauert 50 Minuten pro Weg. Ein freundlicher junger Händler öffnet uns und zeigt sich überrascht, dass wir kommen. Erstens so spät und zweitens generell, denn er hatte Ruth geschrieben, dass das Gerät noch nicht angekommen ist und deshalb heute nicht von uns bezahlt und mitgenommen werden kann. Ich atme ein und aus, der Uberfahrer hat, zu diesem Zeitpunkt immer noch schlecht gelaunt, gewartet und so geht die Fahrt unverrichteter Dinge zurück.
Auf dem Heimweg treffen wir die Freunde, die im Nkruhma Memorial Park unterwegs sind. Florian hat etwas Ärger wegen seiner Drohne gekommen. Bei nationalen Denkmälern kennen sie keinen Spaß.
Kwame Nkrumah ist Staatsgründer Ghanas, hat das Land aus der unsäglichen britischen Kolonialherrschaft befreit und die Grundlagen zu einer stabilen Demokratie gelegt. Sie können echt stolz auf ihn sein und sind das auch. Auch wenn sie zwischendurch Zweifel hatten und seine Denkmäler enthauptet haben. Die stehen jetzt, kopflos zusammen mit seinem Mausoleum mitten im Park.


Er hat nicht nur für die Befreiung Ghanas und die Demokratie gekämpft sondern für die Einheit Afrikas.
Dazu hat er gesagt: „Ich bin Afrikaner. Nicht weil ich in Afrika geboren wurde, sondern weil Afrika in mir geboren wurde“. Umwerfend, oder? In diesem Moment kann ich aufatmen, meine Rede für unsere Festival am Donnerstag („Purpose of Gathering“) ist fertig.
Morgen früh wollen wir wieder in unsere Schule fahren: dress rehearsal – Generalprobe! 10:00 Uhr.

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