Tag 4 – Mittwoch
Beim Frühstück treffen beunruhigende Whatsapp – Nachrichten ein. Unsere Drama Teacherin, also Naa, die am Montag gar nicht kommen konnte, schreibt, wir können uns Zeit lassen, sie käme erst später, vielleicht nachmittags. Das ist Ruth’s Moment. Dazu muss ich Sr. Ruth kurz beschreiben: Anfang vierzig, lebenserfahren, perfekt organisiert (bis auf Zeitmanagement) und sehr willensstark, sie ist die gute Mutter unserer Aktionen.
Sie hat das Team und mich im Griff. Sie ist kommunikativ unschlagbar. Sie kann sich aufregen. Und genau das tut sie jetzt, per WhatsApp und dann am Telefon. Naa gibt sich geschlagen. Dress – Rehearsal 11:00 Uhr und ich sage euch jetzt schon: es klappt. Naa ist Vorort, in no time.
Also noch eine Stunde bis zur Abfahrt. Warum nicht mal das Zimmer aufräumen, Koffer ordnen, prüfen ob noch alles da ist. Cedi’s zählen. Ich schlage mein Bett zurück und entdecke auf dem Laken: Flecken. Blassgrau, handtellergroß. Nein, feucht sind sie nicht. Etwas später untersuche ich sie noch einmal und bin überzeugt, dass ihre Zahl und Größe in der Zwischenzeit zugeommen hat. Jetzt rege ich mich auf, hat der eine sich bewegt? Eric von der Rezeption kommt gleich mit ins Zimmer, den Fall untersuchen. Er kommt zu der Überzeugung: die Flecken sind nicht im Laken, sonder das Laken ist dünn und durchscheinend und die Flecken sind in der Matratze. Zur weiteren Klärung ziehen wir das Laken ab und können nun die Diagnose stellen. Die Flecken sind zum Teil im Laken, zum Teil scheinen Flecken der Matratze durch. Bewegen tut sich nix. Wir einigen uns auf die Lösung das Laken zu wechseln und gegen einer dickeres auszutauschen, wenn da nichts durchscheint, ist da auch nichts schlechtes für den Körper. Gute Nacht. Ich beruhige mich tatsächlich und schlafe in den folgenden Nächten gut. Der Service, hier Eric, ist echt klasse und später wird er uns noch als Untersuchungsmodell helfen.
Um 11:00 Uhr sind wir in St. Mary’s. Die Schülerinnen auch. Naa kommt „gleich“. Jetzt ist es wie mit den Flecken: die Sorgen machen alles schlimmer. Wird sie überhaupt kommen, hat sie überhaupt mit den Schülerinnen geübt, wird es heute eine Generalprobe geben, morgen die große Aufführung. Gibt es Naa?

Es gibt Naa. Aus dem nichts ist sie da und füllt die große Halle. Begrüßt uns eilig, ist überall gleichzeitig, organisiert die Schülerinnen, hilft beim Umkleiden, Einzelcoaching für die Hauptdarstellerin, eine in ihren bunten Kleinern wunderschöne und ohnehin ausdrucksstarke Schülerin. Again! Again! motiviert sie sie, sich noch stärker auszudrücken, nicht nur zu sprechen, „more“, sondern zu spielen. Zwischendurch setzt sie sich kurz zu uns. Nein, sie hat nicht verschlafen, sie hat überhaupt nicht geschlafen. Sie ist so aufgeregt! Sie ist sicher, morgen nach der Vorstellung wird sie von der Schulleitung gefeuert Sie hat schon ein Kündigungsschreiben mit gebracht, damit will sie der Schulleitung zuvor kommen, sie möchte nicht gefeuert werden. Schon ist sie wieder unterwegs und übt eine Tanz- und Choreinlage. Dann ist sie wieder da: sie weiß genau, morgen „werden sie mich feuern“. Es ist ihr erstes Theaterstück, sie musste lange warten, bis sie ein Theaterstück gefunden hat. Sie war so glücklich, als mein Stück kam und hat gleich mit den Proben begonnen. Die Kinder würden das Stück lieben. Oh, morgen werden sie mich feuern. Unsere Theaterpädagogin, die nicht halb so besorgt war, und ich schauen uns kurz in den Augen. Im Bruchteil einer Sekunde sind alle Zweifel verschwunden, es ist alles verziehen, es gab nichts zu verzeihen. Sie ist wunderbar.
Ihr müsst folgendes wissen, kaum war mein Stück in der Schule angekommen, haben sie begonnen, es zu verändern. Sie haben ganze Szenen gestrichen, das ein oder andere umgestellt, der Text war vor nichts sicher. Die Schülerinnen finden, das kann man besser ausdrücken und an dieser Stelle wäre statt eines Dialoges ein Gedicht besser.
Die erste Probe läuft extrem schlecht. Die Choreographie ist gut, der Ablauf chaotisch und die laute Resonanz der Mikrophone und Headsets unerträglich. Die Kinder vergessen immer wieder, in die Mikrofone zu sprechen, die Headsets verrutschen. Während einige noch orientierungslos auf der Bühne stehen, kleiden sich andere vor der Halle in bester Stimmung lachend um, zieht der Demonstrationszug der Kinder schon mal los. Die Plakate sind toll.
Eines ist klar: das geht schief.
Dann sorgt Naa für Ruhe, ihre Stimme füllt die Halle, ihre Bewegungen sind klar und bestimmend. Es wird ernst. Die Künstlerinnen konzentrieren sich. Noch ein Durchlauf, noch einer, einmal noch. Die Szenen sind wunderbar: eine alte Frau umringt von Kindern in Old Fadama berichtet, wie schön es dort einst war. Wie die Gier nach Gold, die Jahrhunderte lange Sklaverei, die Kriege alles zerstört haben und dann noch die Welt angefangen hat, ihren Müll dort abzuladen. Zweite Szene: eine reiche Familie aus Accra mit unzähligen elektronischen Geräten, immer in der aktuellsten Version, die Mutter telefoniert mit ihrer Freundin in Berlin. Dort genau dasselbe, immer neue Geräte, aktuellste Versionen, immer mehr Elektroschrott. Nächste Szene: Zusammentreffen der Kinder der reichen Familie mit den Kindern aus Agbogbloshie. Ein sterbenskranker Vater, der ein Leben lang mit bloßen Händen Kabel verbrannt hat, um Kupfer zu gewinnen. Wie die Kinder die Realität erkennen und zusammenhalten, wie sie miteinander demonstrieren und schließlich in einem großen Abschlusschor eine bessere Zukunft besingen. Sie singen die Nationalhymne!
Es ist so: wir werden den Rechten nicht den Nationalstolz und die Liebe zu unseren Heimatländern überlassen. Es sind unsere Länder, wir kümmern uns drum. Es ist unsere Welt, wir kümmern uns drum.
Zum Schluss tritt nocheinmal die „alte Frau“auf, unsere junge Künstlerin. Sie hat sich während der Dramastunden in der Schule hingesetzt und dann ist ihr plötzlich ein Gedicht eingefallen, das sie in einer Minute aufgeschrieben und zunächst schüchtern ihrer Theaterlehrerin gezeigt hat, Naa. Dann war, wieder ohne Verzögerung klar, dieses Gedicht beendet das Theaterstück. Wir sind nicht in dieser Welt geboren, sondern die Welt ist in uns geboren. Wir werden sie bewahren und schützen für alles zukünftige Leben. Wir kämpfen. Lass uns kämpfen. „I’m the motherland. I’m the mother of all nature. And I cry. I have children and my children are hurting me. I once had green vegetation and clean lagoons to serve my people. But the sad is they don’t appreceate me“, beginnt sie.

Seht hier: Naa und Meike. Theaterspezialistinnen unter sich. Es ist eine Welt. Gut sich zu kennen!

Übrigens steht mittlerweile auch die Technik. Es gibt keine Rückkopplungen mehr, die Stühle sind aufgeregt, zwei Handwerker haben die Rückwand der Bühne gestaltet. Das Nkawkaw Team hat eine große Leinwand bedrucken lassen: End Plastic Soup – EPS und Rotary Club Nürnberg Connect, Dank unseren Sponsoren!
Nach all den Aufregungen herrscht jetzt große Erleichterung und Freude! Eine fast alberne Heiterkeit macht sich breit: es wird ein gutes Festival.
Mittagessen im KFC, warum nicht. Schnell auf die Hand, in den Bus und ab ins Hotel. KFC ist überall auf der Welt KFC, doch hier in Accra haben sie eigene Strategien der Verarbeitung gefunden. Die Cola ist okay, die Pommes und die frittierten Hühnerteile nicht. Die Fritten haben noch eine gewisse Restwärme, sind von bemerkenswert zäher Konsistenz, halbaufgetaut und halbgar. Selbst in Mayonnaise eingetaucht hörst du nach der halben Portion auf. Also nicht alle hören auf, vermutlich weil sie hungrig sind. Ausserdem vertrauen wir auf KFC. Irrtum. Einige Stunden später beginnt das Elend. Gleich bei mehreren.
Nachmittags fahren wir noch quer durch die Stadt in Accra’s große China Mall. Ziel ist es, Geschenke für die Kinder, für unsere kleinen Künstler aus Agbogbloshie einzukaufen. Wir fahren an Hütten vorbei, an Menschen die auf Straßen leben, unter Brücken liegen und biegen dann auf einer sehr schlechten Straße ab und stehen auf einem riesigen Parkplatz. Die Mall ist gut besucht. Es handelt sich um ein gewaltiges, endlos langes, hellbeleuchtetes zweistöckiges modernes Kaufhaus. Grelle Werbung. Das findest du in dieser Dimension in Deutschland nicht oft. Noch eindrucksvoller wird es innen: Rolltreppen, Gänge, deren Ende du nicht mehr sehen kannst, Regale voll mit: Allem. Atemberaubend. Der Kontrast zum Leben, das wir in den Old Fadama Slums gesehen haben ist gewaltig. Nicht auszuhalten und deshalb könnten wir auch niemanden von dort mit hierher nehmen. Die Mall ist voller Menschen, Einkaufskörbe sind voll, die Kassen klingeln, vollgepackte Autos verlassen den Parkplatz und neue kommen an. Es gibt ein anderes, ein sehr wohlhabendes Ghana.


Lange Warteschlange an der Kasse, trotz der Klimaanlagen ist es heiß, viele schwitzen und sind ungeduldig. Dann wird einer schlecht, ist es der Kreislauf? Schnell raus, doch draußen vor der Tür ist es erst richtig heiß und es wird nicht besser. Ab ins Hotel.
In der Nacht haut es sie um. Der Körper versucht mit aller Kraft und heftigen Erbrechen die Fritten wieder loszuwerden. Und jetzt gibt es ein Problem: One, es ist heiß, so um die dreißig Grad und du schwitzt und dein Körper braucht Wasser, Two, durch das Erbrechen verlierst du viel Flüssigkeit, Three: vor lauter Übelkeit kannst du nichts trinken. Das ist nicht gut, insbesondere wenn es länger anhält.
Am nächsten Tag verschlechtert sich die Lage, eine quälende Energielosigkeit kommt hinzu. Im Palliativrucksack ist ein modernes Fieberthermometer: große Erleichterung, kein Fieber.
Wir entscheiden uns für die Abwarten und Beobachten – Strategie, doch es wird nicht besser, schon gar nicht von selbst. Also ist es Zeit, eine Entscheidung zu treffen. Eine Infusion muss her. Auftritt Schwester Ruth, die sogleich eine Pharmazie findet und einen Liter einer Vollelektrolyt Infusion für uns kauft. Mein Auftritt: Infusion vorbereiten, Emmanuel legt sie an. Ich hätte nicht erwähnen sollen, dass das Infusionsbesteck aus einer der Palliativrucksäcke stammt und es sich bei dieser Infusion gewissermaßen um eine Palliativbehandlung handelt. Wenn du da so elend liegst, ist das nicht lustig. Das Nkawkaw Team sitzt nebenan und betet. Alles zusammen hilft schließlich. Auf jeden Fall hilft die Infusion, nicht schlagartig, die Müdigkeit hält noch lange an.

Unsere Erkrankte muss im nächsten Jahr noch einmal mitfahren. Schon taucht das nächste Theaterstück in mir auf.
Abendessen im Hotel. Morgen ist unser großer Tag: das „No – more toxic E-Waste Festival“. Kaum ist das Reisefieber abgeklungen, tritt Lampenfieber auf. Alles besser als Erbrechen mit Fieber. Nieder mit KFC!

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