Tag 6 – Freitag
Heute wollen wir Agbogbloshie kennenlernen, filmen, fotographieren.


Ausserdem müssen wir wissen, ob es dort Platz gibt, um Container aufzustellen.
Container? Eines der Hauptprobleme in Agbobloshie ist die Gewinnung von Kupfer aus den Kabeln der elektrischen Altgeräte, die wir dort entsorgen. Containerschiffe aus Europa voller Elektroschrott werden über den Hafen Tema angelandet und in Agbogbloshie entsorgt. Das ist verboten, aber weil sie es als funktionierende Elektrogeräte anliefern, die in Ghana gut bebraucht werden können, ist es erlaubt und wer soll das schon überprüfen. Das ist dann so eine Art elektronische Entwicklungshilfe. Tue Gutes und spreche darüber! Die wirklich Bösen erkennst du an ihrem Zynismus. 50 Tonnen am Tag, 50.000 Kilogramm! Dann werden die Kabel abgekniffen und abgerissen und gesammelt. Überall am Odah – River lodern Holzkohlefeuer und darin werden die Plastikummantelungen der Kabel verbrannt und übrig bleibt das wertvolle Kupfer und jede Menge Gift im Boden, in der Luft und in den Lungen der „Scrap – People“. Lebenserwartung unter 40 Jahren, viele Kinder sind elternlos dem Slum und seinen Gefahren ausgesetzt. Werden verschleppt, verkauft, missbraucht. Es ist niemand mehr da, der sie beschützen kann. Organe gefällig?
Die Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit hat eine Maschine angeliefert, die diesen Prozess mechanisch abarbeitet: Kabel vorne rein, innendrin „dismanteling“, kupfer raus, keiner krank. Das ist schief gegangen, die Maschine kam mit den verschiedenen Kabeltypen und -arten nicht zurecht. Nun steht sie da, verrottet und die Feuer brennen weiter. Wir denken uns, dass es genügend Container in Tema gibt, also: kaufen wir einen. Die Experten von „Technik ohne Grenzen“ bauen den für uns um, Lüftung, Airflow, Solarenergie auf dem Dach und drinnen Arbeitsplätze mit verschiedenen Werkzeugen für die verschiedenen Kabel und dann: manuelles Dismanteling. Dann hätten sechs bis acht Menschen Arbeit und Verdienst.
Es gibt keine ausreichende medizinische Versorgung in Agbogbloshie, 40.000 dicht beieinander lebende Menschen unter schlechtesten Bedingungen, für die Armen gibt es gar keine Versorgung. Wir planen einen Ambulanzcontainer. Und einen Recyclecontainer für Plastik (Plastikmüll rein, Plastikstühle raus).
Die „Clinic of God“ ist ausser Betrieb, das wird nicht mehr.

Leider erreicht uns eine schlechte Nachricht: wenn wir in Abgogbloshie sein, fotographieren und filmen wollen, fordert der „Chief“ 100 Dollar Eintritt von uns. Ruth regt sich auf. Wir wollen doch helfen, zur Verbesserung beitragen, wir haben doch die Kinder abgeholt und mit ihnen ein großes Festival veranstaltet: „No – more toxic E-waste“! Hey, wir sind die Guten, wir wollen keinen Eintritt zahlen, als wären wir Foto-Touristen auf Elendsafari.

Das klären wir Vorort!
Der Bus bringt uns wieder zum Markt von Agbogbloshie, dann wandern wir zur „Clinic of God“, denn ein weiterer Grund unserer Reise ist, die Situation dieser einzigen „Charity Clinic“ in Old Fadama zu prüfen. Es ist ein kleines unscheinbares Gebäude, schon von außen ist der Verfall sichtbar. Ein Mitarbeiter öffnet uns die Tür, dann stehen wir drin, das Dach löchrig, die Wände voller Schimmel, eine Untersuchungsliege, auf der niemals wieder jemand liegen wird. Verfall, der, weit fortgeschritten. In einem klapprigen Holzschrank sind noch Medikamentenreste zu sehen, Poster an den Wänden fordern zu gesunden Verhalten auf und erinnern an Impfungen. Zunächst hören wir, dass die „Clinic“ noch vor vier Wochen in Betrieb war mit bis zu 250 Patienten pro Tag. Das klingt ganz unwahrscheinlich. Schließlich einigen wir uns auf mindestens 6 Monate nicht mehr in Betrieb. Für 600 Euro könne der Ort mit lokalen Handwerkern renoviert und wieder in Betrieb genommen werden. Später hören wir, dass die Clinic von den Krankenkassen überprüft und geschlossen wurde. Die erneute Zulassung wird schwierig. Vielleicht ist unsere containerbasierte Ambulanz eine Lösung. Im Norden Norwegens, in Tromsö sitzt Daniel, ein Medizintechniker von Rang, der im letzten Jahr mit uns in Ghana war. Er arbeitet dran.
Wir suchen jetzt einen Aufstellplätze für Container und den Chief, für die Genehmigung zu filmen, Drohnenaufnahmen inklusive. Wir werden kein Eintrittsgeld bezahlen. Unterwegs treffen wir einen Boten des Chiefs, der uns durch enge Gassen zum ihm führt. Er residiert in einem kleinen Innenhof seiner Hütte und empfängt uns freundlich, spricht aber nicht direkt mit uns. Wer zum Chief vorgelassen wird, muss sich etwas erkenntlich zeigen. Das ist noch nicht der Eintritt, den wir nicht zahlen wollen. Es ist eine große Runde mit geistlichem Beistand, Motorrädern und Hühnern, ein älterer Offizieller im roten Jacket vermittelt zwischen und und dem Chief. Er ist leider schon betrunken. Aber freundlich, stark zugewandt, schüttelt er uns immer wieder die Hände. Wir berichten von unserem Festival und dem Plan, eine Clinic zu bauen. Die Mienen hellen sich auf. Der Chief wird näher vorgestellt. Er ist ein Sub – Chief und seine Name ist „Lucky Chief“. Er hat Wasser und Strom. Nun kommen wir zum Hintergrund ihrer Skepsis. Vor einiger Zeit kam ein ähnliches, freundliches Team vorbei und wollte fotografieren und filmen. Es wurde eine beeindruckende und für das Filmteam erfolgreiche Dokumentation: „welcome to sodom“. Aber: „they never came back“ und es hat sich nichts verändert.

Im Verlauf des Gespräches entsteht Vertrauen, unsere Aktionen öffnen die Türen. Es könnte sein, dass wir wirklich Gutes im Sinn haben. Der Sub-Chief kann nicht allein entscheiden. Es muss eine weitere Besprechung mit dem Main – Chief geben, wir werden morgen informiert. Dann: der Sub-Chief unterstützt unsere Cleanup Aktion morgen! Der Offizielle begleitet uns und zeigt uns ein Grundstück in der Nähe des Odah River, auf dem die Container Platz finden könnten. Dann führt er uns durch das Labyrinth von Gassen, an all dem Elend vorbei, zurück zum Auto. Das zu erleben, so unmittelbar dort zu sein ist wirklich bedrückend. Ich wundere mich, dass ich zwar die Schwere wahrnehme aber nichts fühle. Das kommt erst morgen.
Aufgeregt diskutieren wir unsere Möglichkeiten, entwerfen Container und planen Kooperationen. Morgen nachmittag geht’s weiter.
Heute Nachmittag wird das EKG Gerät in das Hotel gebracht. Ruth und Diya sind angespannt. Irgendwann kommen die beiden Medizingeräte Händler. Eric von der Rezeption muss den Oberkörper frei machen und wird untersucht: Normalbefund. Es folgt eine gewissenhaft dokumentierte Einweisung, Geld wird überwiesen und dann schnell weg mit dem Gerät ins Zimmer. „It‘s my baby“, es wird den beiden Krankenschwestern bei ihrer Arbeit in der Ambulanz sehr helfen, denn zuletzt gab es kein EKG Gerät mehr. Die Sicherungen der Endoskopie – Einheit waren abschließend durchgebrannt und ihre Ambulanz nur noch sehr eingeschränkt aufgestellt.

Morgen fahren wir wieder nach Agbogbloshie, Cleanup mit den Kindern. Das ist zugegeben eine verrückte Idee: Cleanup in den Slums auf einer Müllhalde.

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